Waldorfseminar Hamburg
Telefon: 040 / 88 88 86 – 10, E-Mail:

Dem Prozess Raum geben

Warum Steinbildhauen zur Lehrerbildung gehört

Wie alles Üben in den Künsten, fördert auch das Bildhauen Kreativität. Eine für zeitgemäßen Unterricht unverzichtbare Voraussetzung. Aber was ist das spezifisch Erfahrbare an dieser Kunst? Im Rahmen ihres Schulpraktischen Jahres (SPJ) haben Studierende in einem dreiwöchigen Projekt die Gelegenheit, erste Erfahrungen in der Auseinandersetzung mit dem Material Stein zu sammeln. Reflexionen zum diesjährigen Kurs von Thomas Frank.

In gebrochener unregelmäßiger Form liegen sie, unter Schürzen ruhend, auf Bildhauerblöcken und warten auf ihre neue Gestalt – Steine. Studierende, mit Schutzbrillen, Hammer und Meißeln bewaffnet, sprengen, zunächst zaghaft, kleine Splitter ab. Die Schläge werden gezielter, mancher Brocken purzelt. Erst konvexe Wölbung schaffen, ohne feste Vorstellung auf die Form des Steines reagieren, dann an geeigneter Stelle in die Höhlung gehen. Übergänge finden, Kanten und Ecken als Grenzen setzen. In den Stein hineinlauschen, wie er, nicht im figürlich abbildenden Sinn, Gestalt werden will. Streckt er sich in die Höhe oder liegt er ruhend, ist er dynamisch oder mehr introvertiert?

Für 15 Studierende der Vollzeit- und Halbtags-Studiengänge fügt sich das Steinhauen allmählich in den Tagesablauf ein. An „Ihrem“ Stein arbeiten sie in der Regel in zwei Einheiten täglich a 75 min. Das dreiwöchige Projekt ist fester Bestandteil des zweiten Studienjahres am Hamburger Seminar. Die Aufgabe: Von der Form des Steines ausgehend, eine eigene Gestaltung zu finden.

Langsam, nach einer Woche zeigen sich erste Charakteristika. Der gleichmäßige Rhythmus der Werkgruppe hilft über manche Resignation hinweg – durchhalten, auch wenn die Arme erlahmen. Das Gegenüber ist härter als gedacht. Nach dem Spitzmeißel folgt das Planieren, Spannen der Flächen mit dem Zahnmeißel. Die Oberflächen zeigen individuelle Strukturen… Kein Stein gleicht dem anderen. Ja sogar in den Träumen tauchen die Steine auf!

Nach drei Wochen ist’s geschafft. Die Gruppe reflektiert den Zusammenhang mit dem parallel stattfindenden Seminar über die Entwicklungsschritte der Biografie und der sozialen Gestalt des Kollegiums, der Schüler und Eltern an einer Waldorfschule. Der kleinteilige Prozess am Stein erinnere sie an die Aufgaben in der Klasse, sagt eine Studentin.

Aktiv Kontakt aufnehmen, aber aus der Distanz beurteilen, dann wieder in den Prozess eintauchen, um wiederholt zu schauen. Nicht schnell beurteilen, sondern dem Prozess Raum geben. Sich einbringen bis an die Grenze der Belastbarkeit. Mut zur Gestaltung haben, auch wenn der Widerstand spürbar ist. Dem Stein seine ganz eigene Form entlocken, ihm nicht die eigene Formvorstellung aufzwingen.

Wesentliche Handlungsmaxime des Lehrerseins nicht nur zu lernen, sondern im Sinne des Wortes zu begreifen und verinnerlichen, dazu kann Steinhauen einen wichtigen Beitrag leisten.