Waldorfseminar Hamburg
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„Gib mir Zitronen, dann mach ich Limonade“

„Erziehung ist Begegnung“ sagt Anne-Kathrin Hantel, Leiterin der Ausbildungsgänge Kleinkindpädagogik, Kindergartenpädagogik und Hortpädagogik am Seminar für Waldorfpädagogik Hamburg

Frau Hantel, wir leben in einer Zeit, in der sich das gesamte Umfeld für Kinder und Familien wandelt. Verändert sich damit auch Begegnung?

Der Mensch beginnt seine Biographie mit einem unmittelbaren Bedürfnis nach Begegnung, nach Beziehung auf die Welt. Für ein Neugeborenes müssen die Bezugspersonen zeitnah und augenblicklich zur Verfügung stehen. In dieser Hinsicht ist Begegnung also von Geburt bis zum sechsten Lebensjahr ewig gleich, sie verändert sich nicht.

Was sich verändert hat, sind die Bedingungen von Begegnung. Eltern sind heute häufig auf sich gestellt, Großeltern und weitere Familienmitglieder leben andernorts. Und das Zeitfenster für Familie ist schmaler geworden, weil heute davon ausgegangen wird, dass zwei Einkommen zur Verfügung stehen, um die Familie zu versorgen. Damit sind Familien mehr und mehr darauf angewiesen, Kinder in Institutionen betreuen zu lassen.

Wie wirken sich diese veränderten Bedingungen auf den Kindergarten aus?

Wir leben mit den Kindern im Kindergarten und gestalten, unter der Maßgabe, dass Familienzeit heute eingeschränkter ist, Lebensraum. Also brauchen wir einen viel größeren Raum für individuelles Spielen, für entspannte Mahlzeiten und auch Raum für Nähe. Mal ein Buch lesen, Zeit geben, sich mittags einzukuscheln und es gemütlich zu haben. Dafür braucht es nicht unbedingt ein Mehr an Raum, Zeit und Geld. Ich glaube, der Pädagoge ist das A und O.

Nicht die Kinder sind heute schwieriger, sondern die Erwachsenen sind unzugänglicher geworden. In der Welt der Erwachsenen ist Kommunikation auf Absprachen, auf Partizipation und Information fokussiert. Kinder äußern sich rein physisch, sie sind darauf angewiesen, empathisch begleitet zu werden. Das erfordert eine andere Sprache, eine Begegnungsfähigkeit, auf die Erwachsenen heute nicht vorbereitet sind. Wir fließen weniger mit dem Leben, das Leben muss sich in Zeitfenster einpassen. Deshalb sagen Eltern häufig, sie sehen die Welt mit neuen Augen, wenn ein Kind geboren wird. Dass jegliche Planung durch die Bedürfnisse der Kinder über den Haufen geschmissen wird, macht vielen Erwachsenen heute Stress.

Sind Begriffe wir Erziehung und Kindergarten nicht veraltet?

Ich liebe den Begriff Kindergarten. Wenn wir uns den Begriff des Gärtners genau anschauen, dann ist ein Gärtner der von den Pflanzen belehrte. Jeder Gärtner gärtnert in einer anderen Umgebung, mit verschiedenen Böden und an verschiedenen Standorten. Der eine weiß, was zu tun ist, um Stangenbohnen erfolgreich anzubauen, der andere lässt es sein, weil sie bei ihm nicht wachsen. Dass ich diesen Bohnen ein Stange geben muss, wissen übrigens alle…
Wie bei den Bohnen, denen ich die Stange zur Verfügung stelle, gebe ich dem Kind einen empathischen Umraum und sage, es geht nicht ganz so aber so. Wir haben Kinder, die den Kindergärtner brauchen, der sie sieht und ihnen ein verlässlicher Partner ist. Der sagt: Wenn Du wieder einen Wutanfall bekommst, dann bin ich der Prellbock. Und der dafür sorgt, dass es nicht erst Nachtisch und dann Mittagessen gibt, sondern genau andersrum. Das verstehe ich unter feiner Erziehung, in dem wir aus Erfahrung oder noch besser aus Intuition ein Bild von dem haben, was dem Kind gut tut. Wir müssen ihre Kraft so lesen, dass wir ihnen im richtigen Moment das zur Verfügung stellen, was sie brauchen. Deshalb würde ich das Wort Erziehung nicht ganz ausmustern.

Was braucht Begegnung heute?

Wir müssen den Kindergarten der Kindheit zur Verfügung stellen. Begegnung heute braucht Empathiefähigkeit. Das Kind begegnet der Welt mit der Haltung: Die Welt ist gut und alles was gut ist, ist meins. Kinder leben aus der Fülle. Da sich das Kind nur über den Erwachsenen regulieren kann, muss der Erwachsene das Leben integrieren. Gib mir Zitronen, dann mach ich Limonade…. Ein Beispiel: Wenn mitten im Reigen der Paketbote in der Tür steht, ist es wichtig, ihm mit Freude zu begegnen. Nur dann fühlen die Kinder sich nicht gestört, weil das Leben integriert wird. Begegnung braucht also den positiven Blick auf das Leben.

Rudolf Steiner sagt, wir sollen dem Kind absichtslos begegnen. Ich denke, das ist die größte erziehungskünstlerische Aufgabe, die wir überhaupt haben. Wir müssen offen sein, für das was kommt. Dass das Kind seinen Pädagogen aussucht, das ist für mich übrigens das Revolutionäre an der Waldorfpädagogik. So begegnungsfähig zu sein, dass ich ausgesucht werde, dass man Freude hat, mit mir zu leben, diesen Gedanken finde ich zutiefst berührend. Für eine solche Beziehungs- und Begegnungsarbeit muss der Pädagoge aber auch genug Raum haben, um seine Ressourcen zu pflegen.

Was bedeutet für Sie Erziehungskunst im 21. Jahrhundert?

Wenn wir Erziehungskunst ernst nehmen, dann brauchen wir für auch für den Erwachsenen Entwicklungs- und Beziehungsraum. Dann muss der Erwachsene einen Raum für die Elternzusammenarbeit haben. Denn das Kind geht über die Brücke des Vertrauens der Eltern zum Waldorfkindergärtner. Eigentlich lernt der Erwachsenen am allermeisten im Kindergarten. Viele Eltern sagen ja auch, dass sie im Grunde in der Kindergartenzeit am meisten gelernt haben, für ihren Blick auf das Leben und auf die Familiengestaltung. Damit bringen die Kinder uns zu den wesentlichen Dingen des Lebens.

Wir denken immer, wir erziehen die Kinder, aber eigentlich ist es umgekehrt. Weil wir nicht mehr Elementarwesen sind, sind wir entweder in der Zukunft oder in der Vergangenheit, aber nicht mehr in der Gegenwart. Das ist der große Unterschied zum Kind, das immer im Hier und Jetzt ist. Und die Gegenwart ist die einzige Zeit, in der wir wirklich etwas tun können!