Waldorfseminar Hamburg
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„Ich habe mehr Mut, Dinge zu machen.“

Warum Unterrichtspraxis von Anfang an zur Lehrerbildung gehört

Am und im Leben zu lernen, dieses Prinzip zählt zum Wesen der Waldorfpädadogik. Deshalb ist Praxis am Hamburger Seminar auch in der Lehrerbildung ein fester Bestandteil des Studienplans – von Anfang an. Natalie Rutard und Shona Donaldson, Studentinnen im ersten Studienjahr, haben sich bei ihren ersten Unterrichtserfahrungen über die Schulter schauen lassen.

Montagmorgen, 8 Uhr in der 7. Klasse der Rudolf-Steiner-Schule Bergedorf. 31 Augenpaare sind auf Natalie Rutard gerichtet – oder auch nicht. Lebhaft geht es hier zu. Ob sie so eine Horde von Kindern begeistern kann, fragt sich die junge Mutter sofort. Zum ersten Mal steht die Studentin vor einer Klasse, vor Schülern, die sie in den kommenden vier Wochen im Unterricht begleiten wird. Dabei ist sie natürlich nicht auf sich allein gestellt. Petra Sasse, Klassenlehrerin der 7. Klasse, unterstützt und berät die angehende Lehrerin.

Im Klassenraum gegenüber beginnt zur gleichen Zeit für Shona Donaldson das Abenteuer Unterricht. „Als ich erfahren habe, dass ich vor 12- und 13-Jährigen stehen werde, habe ich erst gedacht, oh, das wird schwierig. Aber hier bekomme ich einen wirklichen Einblick in das Schulleben. Es gibt ja schließlich nicht nur erste Klassen. Ich habe mir gesagt, wenn ich eine achte Klasse schaffe, dann schaffe ich auch andere Herausforderungen.“ Die gebürtige Schottin lebt seit 17 Jahren in Hamburg. Erfahrung bringt sie als Englischlehrerin in der Erwachsenenbildung und aus der japanischen Schule mit.

Auf dem Stundenplan der 7. Klasse steht die Physikepoche. Petra Sasse lässt ihre Schülerinnen und Schüler Lochkameras basteln und ausprobieren. „Natürlich spielen Methodik und Didaktik auch im Studium eine Rolle“, sagt Petra Sasse, die ebenfalls am Hamburger Seminar studiert hat. „Aber es ist dann schon etwas anderes, Unterricht konkret zu gestalten.“ Deshalb geht es im ersten Praktikum für die Studierenden zunächst einmal darum, den Schulalltag und die Kinder wahrzunehmen. Wie weckt man ihr Interesse? Natalie Rutards Eindruck aus den ersten Tagen: „Man darf nicht am Text hängen. Geschichten erzählen ist eigentlich das wichtigste was man können muss. Das war mir nicht so klar.“

In der 8. Klasse wird experimentiert, Chemieepoche. Shona Donaldson hilft Klassenlehrer Dietrich Karnatz, mit den Schülern Versuche durchzuführen. Viel Bewegung sei durch den Wechsel zwischen Klassenzimmer und Chemielabor entstanden, sagt die 42-Jährige. „Dabei habe ich erlebt, dass man auch Aufbruch gestalten kann.“ Dietrich Karnatz, seit Gründung der Bergedorfer Schule vor 30 Jahren dabei, gibt Shona Donaldson in den vier Wochen ihres Praktikums regelmäßig Rückmeldungen. „Wir haben jeden Tag gesprochen. Es ist ein sanfter Einstieg – man kann so viel man will übernehmen, aber man kann erst mal auch einfach gucken.“

Eintauchen in den künftigen Berufsalltag, an Konferenzen, Elternabenden und öffentlichen Schulveranstaltungen teilnehmen, dazu lädt das Praktikum ein. Am Ende der vier Wochen gestaltet Natalie Rutard eine gesamte Unterrichtseinheit. Sie erzählt den Kindern etwas zur Entstehung der Fotografie, zu den Grundlagen der Optik und die Jugendlichen lauschen gespannt ihren Geschichten. Petra Sasse ist beeindruckt. „Ich finde es spannend zu sehen, wie sie ihre ganz eigene Art entwickelt. Diese ersten Schritte macht ja jeder unterschiedlich. Das ist auch eine Frage der Persönlichkeit. Ich war im ersten Praktikum viel zurückhaltender,“ erinnert sich Petra Sasse.

Die achte Klasse ist mittlerweile in der Erdkundeepoche angekommen. Shona Donaldson geht am letzten Tag mit „ihren“ Schülern noch einmal die Kontinente und deren Längen- und Breitengrade durch. Die Atmosphäre ist entspannt, die Praktikantin strahlt. „Ich habe die Schüler richtig lieb gewonnen und ich glaube, sie haben mich auch akzeptiert. Ich habe bislang die Erfahrung gemacht, dass Schüler gedrillt werden, dass es nur einen Frage-Antwort-Stil gab und es nicht erwünscht war, eine Beziehung aufzubauen. Der Waldorfweg ist das Gegenteil. Man baut eine Beziehung auf und erst dadurch entsteht auch für die Schüler eine Beziehung zum Beispiel zu anderen Sprachen und der Kultur des jeweiligen Landes.“

DEN richtigen Zeitpunkt, um das erste Mal vor einer Klasse zu stehen gibt es wohl nicht.
Vor allem sollen die Praktika zum Reflektieren anregen, auf den Planungsprozess des Unterrichtsprozesse einerseits, auf die eigene Lehrerpersönlichkeit andererseits. Die beiden Studentinnen kehren mit vielfältigen Eindrücken an das Seminar zurück. Ganz selbstverständlich sei es für sie zwar noch nicht, dass sie jetzt Lehrerin werde, sagt Natalie Rutard, deren Kinder beide ebenfalls eine Waldorfschule besuchen. „Aber es ist handhabbarer, machbarer geworden. Ich finde es ganz wichtig, so früh mit der Praxis konfrontiert zu werden.“ Und Shona Donaldson ergänzt: „Man merkt in dieser Ausbildung, dass man wächst, dass man mehr Mut hat, Dinge zu machen. Und dass man sich eher etwas zutraut als vorher.“