Waldorfseminar Hamburg
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„Das Wichtigste ist der Wunsch, Kinder und Jugendliche auf ihrem Entwicklungsweg zu begleiten.“

Erste Unterrichtserfahrungen sammelte Markus Jentsch bereits in seinem Studium an der Musikhochschule. Nach weiteren Stationen – Sinologiestudium, Promotion und einer Tätigkeit an einem Kulturinstitut in Hamburg – entschloss sich Markus Jentsch vor drei Jahren zum Fachlehrerstudium für Musik an Waldorfschulen. Im Interview blickt er auf seine Studienzeit am Hamburger Seminar und das erste Berufsjahr zurück.

Wie ist der Impuls entstanden, Fachlehrer für Musik zu werden?

Sowohl mit Klavierschülern als auch in der Erwachsenenbildung am Kulturinstitut hatte ich in den vergangenen Jahren ja immer wieder Berührungspunkte zu Unterrichtssituationen. Aber ich habe recht schnell gemerkt, dass Einzelunterricht nicht zu mir passt und ich in den Kursen am Institut den Teilnehmern nur über eine kurze Zeitspanne begegnen konnte. Daraus ist dann bei mir der Gedanke entstanden, dass es schön wäre, Menschen längerfristig zu begleiten. Ich habe dann einen Infotag am Seminar besucht und mich innerhalb von drei Wochen, also recht schnell, entschieden, die Ausbildung zum Waldorflehrer zu machen.

Welche Erfahrungen haben Sie im Fachlehrer-Studium gemacht?

Das Studium war sehr vielfältig. Der Unterricht bewegt sich auf einem Niveau, das ich in der Hochschule nicht erlebt habe und die Seminare zu Improvisation, Hörschulung oder Chorarbeit waren sehr intensiv. Auch inhaltlich ist das Studium breiter angelegt. Das Dirigieren und Anleiten von Liedern lernt man ja als normaler Musikstudent ebenso wenig wie altersspezifischen Unterricht oder die Kunst des Zuhörens und daraus Übungen abzuleiten. Viel bewegt haben auch die regelmäßigen Entwicklungsgespräche, die auf den Punkt und immer ganz nah an der Sache geführt wurden. Wie stehe ich, was mach ich mit meiner Stimme…. die vielen Übungen und der intensive ständige Kontakt mit den Dozenten zu bestimmten Fragestellungen hat sehr geholfen.

Profitiert habe ich auch vom starken Praxisbezug. Die Vorschläge zu Unterrichtsabläufen, mit denen im Seminar geübt, gesungen, improvisiert und durchgespielt wird, wie der Unterricht konkret aussehen könnte, waren besonders hilfreich. Für mich sind dadurch Weichen gestellt worden wahrzunehmen, wie abwechslungsreicher Unterricht aussehen kann und was die Schüler gerade brauchen.

Welche Rolle haben die Schulpraktika gespielt?

Natürlich ist es etwas anderes, vor Mitstudierenden zu unterrichten als vor einer Klasse, aber ich habe gemerkt, dass ich gut orientiert war, als ich dann vor der Klasse stand. Beim ersten Praktikum habe ich im Grunde nur geschnuppert, aber beim zweiten hatte ich bereits das Gefühl, dass es auch eine Berechtigung haben kann, da zu stehen und etwas anzustoßen. Meine größte Frage war, ob ich mit den Schülern auch wirklich in einen Kontakt komme. Ich war mir nicht sicher, ob die Schüler denken – ja, da kommt so einer… – aber das war überhaupt nicht so.

Da war von Anfang an Neugier, Erwartung, Wohlwollen. Die Praktika waren ein wichtiger Faktor für meine Entscheidung, ob der Beruf wirklich zu mir passt. Bei nahezu allem, was ich jetzt mache, schöpfe ich aus dem Lehrerseminar. Und es ist noch lange nicht ausgeschöpft. Das klingt jetzt übertrieben, aber ich habe noch nie so viel Entwicklung erlebt, wie in der Zeit am Lehrerseminar.

Wie sieht Ihre Bilanz am Ende Ihres ersten Schuljahrs aus?

Ich habe in den vergangenen Monaten in den Klassenstufen fünf, sieben, acht, zehn und elf Unterrichtserfahrung sammeln können. Dabei habe ich gemerkt, dass es vor allem auf die innere Beweglichkeit ankommt. In der Erwachsenenbildung geht ja alles eher gesetzt zu, es lässt sich sehr viel mehr vorbereiten. In einer fünften Klasse geht das nicht, da entsteht ein Bedarf, auf den ich sofort reagieren und im Zweifelsfall den gesamten Unterrichtsablauf umdrehen muss. Das gelingt einem anfangs nicht immer.

Ich stelle dann fest, dass die Übung, die ich gerade mit den Schülern machen möchte, zu dem Zeitpunkt nicht passt, weil die Planung nicht gut war oder an dem Tag nach einem bestimmten Unterricht diese Übung nicht möglich ist. Man muss dann schnell sein und improvisieren. Jetzt nach einem Jahr habe ich das Gefühl, dass so einiges schon gut läuft und dass ich Rückenwind habe. Ich werde hier auch von vielen Kollegen unterstützt und mentoriert. Das erste Jahr war zwar sehr anstrengend, aber ich war noch nie so glücklich. Und fühlte mich noch nie so sinnvoll beschäftigt.

Welche Voraussetzungen sollte ein Fachlehrer für Musik mitbringen?

Ich glaube, das Wichtigste ist der Wunsch, Kinder und Jugendliche langfristig auf ihrem Entwicklungsweg zu begleiten. Natürlich sollte ein Musiklehrer Noten lesen, ein Instrument spielen, singen und zuhören können. Das sind voraussetzende Fähigkeiten, sie sind aber eher Mittel als Zweck. Wenn die leiseste Ahnung vorhanden ist, dass es klappen könnte, Kontakt zu Kindern und Jugendlichen aufzunehmen, ein Kontakt der herzlich und direkt ist, ergibt sich daraus alles andere. Das Eis lassen dann die Schüler schmelzen.