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Waldorfseminar Hamburg
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Erster Fortbildungskurs erfolgreich abgeschlossen

„Das Inklusionsseminar hat uns kräftig aufgewühlt“, sagt Freya Jütte. Sie zählt zu den Absolventinnen unseres neuen Fortbildungskurses, die im Januar feierlich verabschiedet werden konnten. Im Gespräch mit Rebecca Bernstein erzählt die Masterstudentin, wie sie die zurückliegenden drei Semester erlebt hat.

Freya Jütte, als Studierende des Tageskurses durchlaufen Sie im Studium zur Klassenlehrerin bereits die Inklusion. Warum haben Sie sich darüber hinaus für die Zusatzqualifizierung zur Inklusionspädagogin entschieden?

Mich hat vor allem interessiert, in einen Prozess eingebunden zu sein, der die Waldorfpädagogik neu zu denken wagt. Mit dem Aspekt des selbstbestimmteren Lernens, der dabei eine große Rolle spielt, habe ich mich schon in meiner Bachelorarbeit am Institut für Musik in Osnabrück beschäftigt. Ich wollte da stärker einsteigen und mitgestalten.

Motiviert hat mich auch die Möglichkeit, die Frage nach den Unterschieden zwischen Integration und Inklusion intensiver zu bewegen, verbunden mit der Frage nach der eigenen Haltung. Ich finde es gut und wichtig, dass wir den Umgang mit Menschen frei von irgendwelchen Zuschreibungen neu denken und bei uns selbst damit beginnen, uns von den festen Vorstellungen, die wir im Kopf haben zu lösen. Eine Schwierigkeit sehe ich allerdings darin, dass wir zurzeit in einer Welt leben, in der es Zuschreibungen gibt, mit definierten Krankheitsbildern und entsprechenden Therapien. Ein wichtiger Faktor für meine Entscheidung war auch das Werkstatt-Angebot und damit die Möglichkeit, inklusive Waldorfpädagogik in der Praxis erleben zu können.

Zu den Schwerpunkten der Fortbildung zählen auch die Methodenschulung und die dynamische Diagnostik? Welchen Stellenwert hatten diese Inhalte für Sie?

Die Methodenschulung mit der Methodik der selbstlernenden Gruppe habe ich als sehr hilfreich empfunden. Wir haben uns intensiv mit Fragen zu Produkt und Produktforderung beschäftigt, so dass ich mir jetzt zutraue, diese Methodik im Unterricht anzuwenden. Darüber hinaus hätte ich mir gewünscht, mehr darüber zu erfahren wie man diese Methodik in den vorhandenen Schulalltag einbetten kann. Dass sich die inklusive Methodik der selbstlernenden Gruppe vor allem auf den Hauptunterricht bezieht und eine inklusive Waldorfpädagogik auch Förderangebote miteinschließt, die dann z.B. im Anschluss an den Hauptunterricht stattfinden können, habe ich ehrlich gesagt erst ziemlich am Ende der Zusatzqualifikation verstanden.

Für mich war lange nicht klar, wo zum Beispiel das Üben seinen Platz im inklusiven Unterricht hat und wie es inklusiv gestaltet werden kann. Im Praktikum in Kreuzberg habe ich dann gesehen, dass neben der Arbeit an einem Produkt auch das individuelle Üben von z.B. Rechtschreibung und Rechnen im Hauptunterricht ganz selbstverständlich vorkommt.

Auch der heilpädagogische Kurs, mit dem begleitenden dynamischen Formenzeichnen war für mich sehr wertvoll. Zum einen natürlich als diagnostisches und therapeutisches Mittel, zum anderen als begleitende Selbsterfahrung, mit Blick auf unsere eigenen Einseitigkeiten.

Wo lagen für Sie die größten Herausforderungen?

Das Inklusionsseminar hat uns Studierende kräftig aufgewühlt. Die Gruppe hat sich auch außerhalb der Einheiten sehr viel ausgetauscht und diskutiert. Für mich waren die Freitage stets die anstrengendsten Tage im Seminar. So viel eigenes Engagement, so viele Fragen und eine so starke Konfrontation mit den wunden Punkten meiner eigenen Persönlichkeit war von mir außerhalb des Inklusionsseminars eigentlich nur noch im Theaterprojekt gefordert.

Vieles davon hat durch die Tiefe der Auseinandersetzung zu nachhaltigen Erkenntnissen über meine eigene Person und mein Verhalten geführt.

Auch das soziale Miteinander war für uns eine Herausforderung. Den Umgang vor allem in den selbstlernenden Gruppen, mussten wir uns erst erarbeiten. Ich hätte mir den Kommunikationsblock, den wir dazu im dritten Semester hatten, schon zu Beginn der Fortbildung gewünscht. Und für mich persönlich war es außerdem schwierig, meine eigenen Zweifel auszuhalten, meinen Drang nach Klarheit und Antworten. Es hat eine Weile gedauert, bis ich verstanden habe, dass wir uns möglichst lange außerhalb der normalen Denkmuster bewegen und uns nicht beschränken lassen sollten.

Nichts desto trotz hätte ich mir ein stärkeres Eingehen auf die gängigen Zuschreibungen und Therapieansätze gewünscht. Mit dem, was im allgemeinen Verständnis mit Zuschreibungen Autismus, Legasthenie oder anderen sog. ‚Behinderungen‘ gemeint ist und wie die gängigen therapeutischen Ansätze dazu aussehen, haben wir uns nur am Rande beschäftigt. Für mich persönlich ist dieses Wissen unerlässlich um in der Lage zu sein mit Eltern, Sonderpädagog*innen, Therapeut*innen etc. auf professioneller Eben zu kommunizieren.

Und was haben Sie als besonders bereichernd empfunden?

Begeistert hat mich am Inklusionsseminar ganz grundsätzlich, dass dort immer etwas von Aufbruch in die Zukunft, vom Hinterfragen und Neudenken der Waldorfpädagogik zu spüren war. Während der gesamten Laufzeit des inklusionspädagogischen Seminars hat mich das Engagement von Frau Beckers und Herrn Heimann immer wieder beeindruckt und beflügelt. Ich bin dankbar dafür, dass sie diesen Impuls ins Hamburger Seminar tragen und ich eine der Pilotschülerinnen sein durfte!

Meine größten ‚Schätze‘ aus der inklusionspädagogischen Zusatzqualifikation sind die Erlebnisse, die ich an der Windrather Talschule und in der vierten Klasse der Kreuzberger Waldorfschule sammeln konnte. An der Windrather Talschule habe ich erleben dürfen wie eine ganze Schulgemeinschaft miteinander ganz selbstverständlich inklusiv lebt. Die große Bedeutung des Spielens und der gemeinsamen Mahlzeiten haben mich nachhaltig beeindruckt. In Kreuzberg habe ich drei Wochen lang gelebte Inklusion in einer vierten Klasse miterlebt. Eine wirklich tolle Klasse, der ich anmerken konnte, dass sie über eine bereits gewachsene Selbstverständlichkeit in Sachen Inklusion verfügt. Bei den beiden Dozent*innen habe ich erleben dürfen, wie Teamteaching gelingen kann und wie konstruktive Reflektion stattfindet.

Was nehmen Sie aus der Zusatzqualifizierung mit?

Das wichtigste was ich mitnehme ist der Mut und die Zuversicht, meinen Unterricht so gestalten zu können, dass alle Kinder dabei mitgenommen werden. Und dass sich die Waldorfpädagogik als solche weiterentwickeln lässt. Der Inklusionsgedanke an sich birgt ja schon revolutionäres Potential, da Inklusion nur funktionieren kann, wenn wir die Werte unserer Gesellschaft hinterfragen, über den Haufen werfen und neu definieren. Obwohl die Waldorfpädagogik zum Glück auf Werten fußt, die dem inklusiven Gedanken entsprechen, ist sie in der Praxis von der Mainstream-Gesellschaft so beeinflusst, dass der inklusionspädagogische Ansatz auch hier einiges aufwirbelt.

Die Beschäftigung mit diesem Ansatz hat mich auch in meiner persönlichen Entwicklung und in meinem Umgang mit anderen Menschen geprägt. Diesen Weg möchte ich auf jeden Fall weitergehen. Für meine anstehende Tierkunde-Epoche in der vierten Klasse habe ich mir fest vorgenommen, die inklusive Methodik anzuwenden. Ich würde mir wünschen, dass es am Seminar eine Möglichkeit gibt, Methodik und Didaktik inklusiver Waldorfpädagogik berufsbegleitend vertiefen zu können. Daran hätte ich großes Interesse.