Quereinstieg

Feuer und Flamme

Erzählen ist seine Passion. Mit großer Freude arbeitete Mathias Mainholz deshalb als Radioreporter beim NDR und als Medienproduzent für Buchverlage. Aber etwas fehlte. „Ich wollte etwas machen, was noch mehr Wirkung hat, eine Arbeit, die Wurzeln schlägt.“

2012 entschied sich der damals 40-Jährige für einen Quereinstieg in den Beruf des Waldorflehrers. Rebecca Bernstein hat den Klassenlehrer getroffen und mit ihm über Aufgaben, Berufung und Impulse gesprochen.

Kurze Verschnaufpause bis zur nächsten Unterrichtsstunde. Mathias Mainholz sitzt im Klassenzimmer seiner 6. Klasse der Rudolf Steiner Schule Hamburg Nienstedten. Er wirkt entspannt, offen, interessiert. Seine Stimme ist warm, die Augen aufmerksam. Gute Voraussetzungen für einen Beruf, in dem es darum geht, Kinder in ihrer Individualität wahrzunehmen, sie zu begleiten und zu begeistern. Der 47-Jährige lacht. Im Germanistik- und Geschichtsstudium habe er sich seinerzeit geschworen, kein Lehrer zu werden.

Es war wie eine Protesthaltung, weil viele Kommilitonen Lehramt studierten, um einen sicheren Job zu haben.

So paradox es klingt: Mit seiner Entscheidung zum Quereinstieg ist sich Mathias Mainholz treu geblieben. Denn damals wie heute sei es ihm darum gegangen, etwas zu tun, zu dem er sich berufen fühle. „Für meine Kinder war ich Elternvertreter an der Waldorfschule. Ich saß bei der Klassenkonferenz mit den Lehrern und habe erlebt, wie die arbeiten. Und da sah ich plötzlich ein Ideal vor mir.“

Es folgte das Studium zum Klassenlehrer am Seminar für Waldorfpädagogik Hamburg. Auch seine Dozenten seien Feuer und Flamme gewesen „und das steckt an“. Aber muss man sich mit Rudolf Steiners Anthroposophie
auseinandersetzen, um Lehrer zu werden? Mathias Mainholz nickt. Das habe er sich anfangs auch gefragt. Die Sprache Steiners sei ja seltsam, 100 Jahre alt und nicht leicht zu lesen. Doch die darin enthaltenen Impulse für eine Lebensauffassung sind für ihn bedeutsam geworden. Weil man mithilfe der Spiritualität eine Ahnung von der Aufgabe bekomme, die man als Mensch auf der Welt habe.

Immer wieder die Frage ans Leben und an sich selbst zu stellen, das treibt den Vater von drei Töchtern seitdem an. „Ich würde mich deswegen als Anthroposophen bezeichnen, weil ich ein Suchender bin.“ Schon im Schulpraktischen Jahr durfte Mathias Mainholz die 1. Klasse übernehmen. Der Zauber dieses Moments ist ihm auch sechs Jahre später anzumerken. „Man verbindet sich ganz stark und spürt schnell – hier geht es nicht nur darum, Schülern etwas beizubringen. Wir 39 Menschen haben jetzt eine Lebensaufgabe.“

Genug philosophiert, die Pausenglocke klingelt, vor der Klassentür stehen die ersten Schüler. „Wir haben jetzt sechs Jahre rum und diese Verwandlung der Schüler zu erleben, das ist immens“, sagt Mathias Mainholz. In wenigen Minuten wird er gemeinsam mit ihnen wieder auf Entdeckungsreise gehen. Der Erzähler aus Passion hat seinen Weg gefunden. „Natürlich kommt der Alltag und aus dem Glücksrausch wird Normalität, aber es ist bis heute so, dass ich denke, hier bin ich glücklich.“

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