Audiopädie

HörKunst am Seminar

Die Kunst des Hörens, Audiopädie genannt, ist in einer Welt, die unsere Sinne oft mit Reizen überflutet, aktueller denn je. Sie spielt auch am Seminar eine zunehmend wichtige Rolle. Seit diesem Studienjahr steht das Fach auf dem Lehrplan des berufsbegleitenden Kurses.

Es geht um die Bedeutung des Zuhörens und der Stille in der pädagogischen Arbeit. „Dem Hören vertrauen“ lautet auch der Titel der aktuellen Veröffentlichung von Reinhild Brass, Dozentin am Hamburger Seminar und Begründerin des Instituts für Audiopädie.

Bereits in der 80er Jahren begann Reinhild Brass, damals Musiklehrerin an der Widar Schule Wattenscheid, ihrem Unterricht immer mehr Improvisation einzuhauchen. Konkret bedeutete das: die Kinder saßen nicht mehr einfach nur da, hörten zu und ahmten nach. Reinhild Brass ermutigte sie, sich im Raum zu bewegen, die eigenen Geräusche und die ihrer Umgebung wahrzunehmen – und vor allem: leiser zu sein. Was zunächst nicht gerade typisch für einen Musikunterricht klingt, nahm in den nächsten Jahren Form an. Durch die Stille lernten die Kinder, die Geräusche in ihrer Umgebung wieder mehr wahrzunehmen und zu spüren. In unserer heutigen Zeit würden wir das wohl als Achtsamkeit bezeichnen. Klar: Achtsamkeit und Aufmerksamkeit hängen unmittelbar mit der sogenannten Audiopädie zusammen. Sie vertiefen unser Hören und Zuhören.

Hören schafft Sicherheit

Hören ist unser erster Sinn. Schon im Mutterleib beginnen Babys zu hören. Sie können Stimmen und Laute unterscheiden, lange bevor sie zur Welt kommen. In ihren ersten Wochen und Monaten nach der Geburt – vor allem, bevor sie das Sehen weiter ausprägen – orientieren sie sich an dem, was sie hören. Es schafft ihnen Sicherheit und Vertrauen.

Reinhild Brass möchte die Kinder wieder mehr zum Zuhören bringen. Denn mit mangelndem Zuhören schwindet das Vertrauen. Das verunsichert die Kinder. Sie werden unruhig. „Das Anliegen der Pädagoginnen und Pädagogen sollte es sein, den Kindern ein großes Stück Sicherheit zurückzugeben“, sagt Reinhild Brass.

Die Dozentin arbeitet viel mit Bewegung. Mit leisen Schuhen bewegen sich die Kinder sachte durch den Raum. Es wird ruhiger. Die Kinder nehmen jedes Geräusch intensiver wahr. Schnell können die Lehrerinnen und Lehrer von außen erkennen, welche Kinder sich am eigenen Gehör orientieren. Gehen die Kinder leise, öffnen sich ihre Ohren fast wie von selbst.

„Natürlich arbeite ich dann auch mit Instrumenten. Oder mit Naturmaterialien wie Holz oder Steinen“, sagt Reinhild Brass. „Sie regen das Hören an. Und das Nachlauschen.“ Die Folge: Die geschulten Ohren der Kinder werden aufmerksamer für die Umgebung und sich selbst. Die Kinder kommen wieder mehr mit sich in Kontakt. „Oft beobachte ich, dass die Kinder regelrecht Angst haben vor der Stille. Sie werden dann konfrontiert mit sich selber“, erklärt Frau Brass.

In ihrem zweiten Buch „Dem Hören vertrauen“ geht es genau darum. Denn unbekannte Geräusche, die wir nicht sehen können, machen uns Angst. Sind wir hingegen mit anderen durch das Hören verbunden, können wir vertrauen. „Das Hören ist ein so tiefes und essentielles Erlebnis, dass wir oft einfach gar nicht den Zusammenhang herstellen können.“ Erfahren wir, dass andere uns zuhören, fühlen wir uns verstanden. Viel mehr noch als durch das Gesehen werden.

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